Wer ist Brasilianer
Woran erkennt man Brasilianer? An der Hautfarbe, der Sprache, der Religion? Sicher nicht allein. An den Gesten, der Kleidung, dem Blick? Schon eher. Wer ist überhaupt Brasilianer?
Genau genommen ist Brasilianer derjenige, der in Brasilien geboren wurde. Seine Eltern mögen kanadische Eskimos oder chinesische Fischer gewesen sein: Wer im brasilianischen Staatsgebiet oder auf einem Schiff brasilianischer Flagge das Licht derWelt erblickt, ist brasilianischer Staatsbürger, punktum. Abstammung oder Religion spielen keine Rolle. In Brasilien gilt das "jus solis", das Territorialprinzip (Artikel 12 der Verfassung). Wer in Brasilien geboren wurde, bekommt den grünen Pass mit dem Staatsemblem unter dem Kreuz des Südens, mag er auch kein einziges Wort brasilianisches Portugiesisch radebrechen.
Aber ist ein brasilianischer Staatsbürger deswegen schon Brasilianer? Wird er wegen des grünen Passes als brasilianischer Landsmann angesehen? Wohl kaum. Brasilianer ist man eben nicht nur aus Gründen des Staatsrechts. Doch was macht einen Brasilianer aus? Was unterscheidet ihn von seinen südamerikanischen Nachbarn oder von Deutschen, Franzosen, Japanern und Yankees? Was hält diese Nation im Innersten zusammen? Ist es das gemeinsame Schicksal eines verfolgten Volkes – wie bei den Armeniern etwa? Ist es eine Staatsreligion wie bei den Juden, eine jahrtausendealte Kultur (Chinesen), der Pathos einer Grande Nation (Frankreich), das ehemalige Empire einer grossen Seemacht (England), der Tenno (Japan), das Trauma zweier verlorener Weltkriege (Deutschland), die Kastengesellschaft (Indien) oder der Verfassungspatriotismus mit dem Glauben an die Machbarkeit der Dinge – wie in den USA?
Nichts dergleichen kann Brasilien vorweisen. Und doch sehen sich Brasilianer als Angehörige einer einzigen, großen, jungen Nation.
Weder Rasse noch Religion, weder Krieg noch Frieden, weder Papst noch Popen, weder Kasten noch Klassen – allenfalls eine gemeinsame Sprache, das brasilianische Portugiesisch mit seinen wenig ausgeprägten regionalen Dialekten, und eine Art Lebensgefühl verbinden die Brasilianer. Diese Bindung der Brasilianer ist aber so stark, dass Brasilien seit seiner Unabhängigkeit so gut wie keine wirklich einschneidenden separatistischen Abspaltungen erlebt hat. Auch keinen Bürgerkrieg (wie die USA), keine Revolution, keinen staatlich gesteuerten Rassenwahn und keine Religionskriege hat das Land je erleiden müssen.
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