Aberglaube
Man könnte Bibliotheken damit füllen, wollte man all jene Vorstellungen über heilige Orte, Bäume, Quellen und Steine, über Liebes- und Gesundheitszauber, über den Schutz vor Geistern oder dem bösen Blick, über die guten und schlechten Vorzeichen, über Hexen, Kobolde, Werwölfe und Vampire einfah nur aufzählen. All dies mit dem Begriff "Aberglauben" in Bausch und Bogen abzutun, würde der Bedeutung derartiger Mystifizierungen in Brasilien nicht gerecht werden. Sie sind tief im Volk verwurzelt und ein natürlicher Bestandteil der Alltagskultur. Man kann noch weitergehen: Sie entsprechen der Erwartung weiter Teile der Bevölkerung. Diese so genannten abergläubischen Vorstellungen sind sogar Ausdruck der nationalen Kultur.
So wird es nur in den seltesten Fällen als Bruch empfunden, wenn man in seinem Auto neben der Christopherus-Plakette auch Geisteramulette anbringt (Brasilien hat übrigens eine der höchsten Unfallraten der Welt; jährlich sterben etwa 50 000 Menschen im Verkehr). Ein anderes Beispiel mag noch deutlicher illustrieren, wie selbstverständlich der Glaube an andere Kräfte und Mächte (als jene, die das Christentum vorgegeben hat) wirksam ist. In unseren Breiten hätte folgende Episode wohl zum politischen Garaus geführt: Präsident Sarney (1985-1990) ließ nämlich bei seinem Antritt die Amtsräume nicht nur von einem Priester segnen, er schickte einen Vertreter afrobrasilianischer Kulte sogleich zur Geistervertreibung hinterher. Auch wies er die Protokollbeamten an, einen Raum durch die Tür zu verlassen, durch die sie ihn betreten hatten. Das Tüpfelchen auf dem i aber war, dass seine Frau als Tochter von Exú galt, dem in den afrobrasilianischen Kulten die Rolle des Götterboten und schwarzen Magiers zugewiesen wird. Lachhaft fanden das nur wenige Brasilianer.
Gespeist wird dieser Glaube aus mehreren Quellen. Da sind zunächst die afrikanischen und indianischen Wertvorstellungen zu nennen. Keinen unwesentlichen Anteil haben daran auch der volkstümliche Katholizismus und die tradierten mittelalterlichen Vorstellungen von Hexen, Tod und Teufl. In der Neuzeit wurde all dies noch durch spiritistische Ideen ergänzt. Ein sinnfälliges Beispiel für die Vermischung und den Umgang mit diversen Glaubensvorstellungen, mag die weit verbreitete Gewohnheit sein, bestimmte Heilige, die für Liebe, Gesundheit, Reichtum usw. zuständig sind, im unmittelbarsten Sinne als Wundertäter zu verehren. Enttäuschen sie den inbrünstigen Anbeter, werden die Bilder oder Statuen mit dem Gesicht zur Mauer gedreht oder gar in den Müll geworfen - und z.B. durch entsprechende Kultfiguren ersetzt.
© 2007 Santos Midia Web-Services - Alle Rechte vorbehalten.
holidays24.org · Sprachen-der-Welt · Rechtsvordrucke.de · ECCL-Projekt · 6weg.info Costa Rica · Brasilien · in.kasso24 · weniger-zahlen · Fotoladen · Blumen-weltweit
