Arbeitsleben
Ein brasilianischer Manager verdient ausgezeichnet. Sein Einkommen, etwa in einem der großen multinationalen Automobilkonzerne, erreicht internationales Niveau. Ein Arbeiter hingegen, der im gleichen Automobilkonzern eine der hypermodernen Produktionsanlagen bedient, bekommt bis zu 15-mal weniger als ein Arbeiter bei uns. Außerdem pendelt er täglich bis zu vier Stunden in voll gepfropften Bussen zwischen Stadtrand und Arbeitsplatz. Dabei ist das Gehalt der Arbeiter und Angestellten in São Paulo fast doppelt so hoch wie das der restlichen Arbeitnehmer Brasiliens. Und das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen São Paulos ist etwa sechsmal höher als das im Nordosten, dem Armenhaus des Landes. In dieser Megametropole, dem drittgrößten Ballungszentrum der Welt, werden 60 Prozent der Löhne und Gehälter Brasiliens gezahlt! Kein Wunder, dass sich das Heer der Arbeitssuchenden auf São Paulo konzentriert.
Wer zu den Glücklichen zählt, die einen Arbeitsplatz haben, verdient allerdings vielfach nicht genug, um sich und seine Familie ernähren zu können. Deshalb versucht man mehrere Jobs zu ergattern - und selbst die Kinder müssen zusätzlich zum Familieneinkommen beitragen. So verdienen z.B. Lehrer dermaßen schlecht, dass sie zwei oder drei Deputate übernehmen und bis zu 50 Stunden pro Woche unterrichten.
Wer keinerlei Anstellung findet, der versucht sich im Straßenverkauf. Jeder Brasilien-Besucher kann sich von der elenden Situation der Menschen ein Bild machen, da er überall, auf den Bürgersteigen, am Strand, an den Ampeln, buchstäblich an jeder Straßenecke mit fliegenden Händlern konfrontiert wird. Da werden Zigaretten stückweise verkauft, Kaugummis einzeln angeboten, selbstgebasteltes Spielzeug liebevoll am Straßenrand aufgereiht, Mottenkugeln angepriesen oder Essen gebruzzelt. Auch was noch pittoresk anmuten mag, das Heer von Musikanten, Gauklern und Tänzern, ist nicht allein Ausdruck brasilianischer Lebensfreude, sondern ebenso Zeichen blanker Not.
Und wer kein Instrument spielen kann, wer nicht das Geld hat, vorab in T-Shirts, Zigaretten usw. zu investieren, wer nie die Chance haben wird, eine Arbeit zu finden, weil er z.B. nie Lesen und Schreiben lernen konnte, muss zum Überleben betteln, stehlen gar oder den eigenen Körper verkaufen. Sozialwissenschaftler nennen diese facettenreiche Schattenwirtschaft "versteckte Arbeitslosigkeit".
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